WORTE

WORTE

Die blaue Murmel


Ich hab die Erde gesehen

sie war einzigartig schön

als blaue Murmel

zog sie ihre Bahn.


Ich hab unsere Erde gesehen

auf der wir alle bestehen

in dieser Dunkelheit

flog sie ihre Bahn.


Und wir suchen auf ihr

und wir tanzen auf ihr

und wir funkeln auf ihr

streiten krachend auf ihr


und wir morden auf ihr

wir in Horden auch hier

manche stehen Spalier

Glanz und Lüge und Wahn.


Ich habe die Erde gesehen

eine kleine Murmel

sie war wunderschön

gespiegelt in deinen Augen


habe ich uns gesehen

in jedem Ton der rollt

in jedem Blick der fällt

mich an.


Wir sind kleiner als ein Staubkorn

wir sind kleiner als ein Staubkorn

deine Hand in meiner Hand

und zwei mal 21 Gramm


Fell, Rinde, Haut,

Erde, Blatt und Sonnenuntergang

und 21 Gramm.


Ich habe die Erde gesehen

sie zog wunderschön

widerstrahlt hinter deinen Wimpern

ihre Bahn -

und 21 Gramm.

Was wiegt 21 Gramm?

unser Körper wird so 21 Gramm leichter,

in dem Augenblick, da wir ihn verlassen werden.


Habe ich dir heute schon gesagt

dass ich dich liebe?

Habe ich dir das heute schon gesagt

dass es  nichts Wichtigeres gibt

nichts Wichtigeres als dies:

als deine Hand in meiner

möglich durch diese 21 Gramm.

Irgendwann


Irgendwann,
irgendwann
werden die Kulissen weichen
aus übergroßen Farben und Klängen gemacht.
Irgendwann
werden sie uns nicht mehr reichen
und das Seelenhungertier erwacht.
Irgendwann,
irgendwann
fallen Frösche quakend vom Himmel
sie regnen auf die Straßen und Häuser herab
und aus diesem bunten Gewimmel
tönt ein Gesang wie es ihn nie gab.
Irgendwann,
irgendwann
kehren wir zurück ins große Lied
und wir sehen uns staunend an
denn es gibt ihn nicht, den großen Unterschied
womit haben wir unsere Zeit vertan -
Irgendwann,
irgendwann,
irgendwann oder jetzt - bricht sie neu an!

Babel


Wir lagerten unsere Fähigkeiten aus

in Bits und Bytes

wir töteten die Künste

durch Superlative verkümmernder Hirne

wir erschufen Babel unzählige Male

jedem Menschen, jeder Stadt, jedem Land sein Babel

Zerfallendes

Mord erschafft Mord

das Unrecht lässt den Tätern weitere Taten.


Mein Lachen


Mein Lachen ist so einfach zu teilen
Doch wer umschließt mir die Hand
Wenn meine Füße die Schmerzen dieser Erde aufnehmen
Auf der sie wandern.

Küsee das Salz des Mitgefühls
Hilf mir, Mensch unter Menschen zu sein


Manchmal möchte ich die Haut von meinem Körper reißen
Um heraus zu treten und
Mit dem Adler zu fliegen
Mich mit dem Elefanten aufzubäumen
Mit den Büffeln fort zu rennen
Und mit den Molchen zu träumen.


Halte Wache
Während Verfolgungen und Demütigungen
Durch mein klopfendes Herz jagen.
Die kleine und die große Ekstase
In einem Tautropfen raupend
auf silberfädrigem Seil.


Die Tore zum Weltgewissen weit geöffnet.


Reich mir deine Hand
Wir bauen ein Boot für unsere Tränen
Und in der Nacht tanzen wir darin
Wie ein Feuer.

Der Flug des Falken –
Cierpienie (Hoffnung)

Deine Augen,
die aus dem Foto zu mir herausschauen,
in einem anderen Jetzt gebannt.
Jahre zu spät erblicke ich all das Grauen,
ein Anker, der dich mit unsrer Zeit verband.
Ich komme zu spät Dir die Hand zu reichen,
eine Tasse von dem, was du trinken magst.
Ich komme zu spät deine Haut zu streichen
und zu dir zu eilen, wenn du nach etwas fragst.

Aus meinem Gegenwart
neigt mein Ohr sich dir entgegen,
flicht dein Klang sich in meinen Lebensstrom.
Durch die dünne Glasschicht
stemmt mein Herz sich im Beben
dir entgegen und läuft der Zeit davon.
Ich komme zu spät Dir die Hand zu reichen,
eine Tasse von dem, was du trinken magst.
Ich komme zu spät deine Haut zu streichen
und zu dir zu eilen, wenn du nach etwas fragst.

Siehst du den Falken dort oben schweben?
Jedem Geschöpf ist diese Würde einbestimmt.
Die können wir hier einander geben,
wo wir miteinander sind.


Oswiciem 2010

Alle diese Werke sind urheberrechtlich geschützt.

The Trail of Tears


This is the trail of tears

the way you choosed for us

this is a path of fears

the way you choosed for us.


Ihr fühlt nicht was ihr denkt

ihr denkt nicht was ihr sagt

ihr sagt nicht was ihr tut

ihr tut nicht was ihr liebt.


Wer Angst säht,

muss in Angst leben.


Ihr liebt nicht was ihr lebt

ihr lebt nicht was ihr wollt

ihr wollt nicht was ihr habt

ihr habt nicht was ihr fühlt.


Wer die Lüge sät,

muss in Lüge leben.


Way of sorrow, way of life

way of emptiness, and closed eyes.


Wo sind die Teddybären?
Wie leben kleine Küken?

Wie können Kühe erwehren

was sie erleben müssen?


Wer sagt den Kindern die Wahrheit?


Wie säugt ein rosa Schweinchen?

Worauf steht das zerzauste Huhn?

Wer zählt die toten Beinchen?

Wie läuft es sich in Cowboyschuhen?


Wo ist sie hin, die Wahrheit?


This is the trail of tears
the way you choose for you
this is a path of fears

this is your trail of tears

the life you going through

this is your path of fears.


Way of sorrow, way of life
way of emptiness and closed eyes.

Way of sorrow, way of life
way of emptiness

your way of emptiness.




Fotos: Arne Tigges

  Von Kopftuch und Schürze


    Maria trägt ein Kopftuch

    und Özlem mag das auch.   

    Gardena schlingt ein rotes Tuch um ihren runden Bauch.

    Wilfried schwört im Winter

    auf `nen bunten Schal

    und Slummi trifft zwischen blau und lila Schuhen seine  Wahl.


    Ich trage keine Schürze,

    bekoch nicht meinen Mann – 

    bin ich deswegen für´s Verbot der Schürze dann und wann?

    Denn jede Frau die Überstunden an nem Kochtopf macht

    wird womöglich unterdrückt und von den andern überwacht.

 

    Ob Schürze oder Kopftuch,

    das ist doch schnurz wie hurz –

    entscheidend ist: du hast die Wahl, das Leben ist so kurz.

    Ob Mantra, Sutra, Phrase,

    Knigge oder Psalm,

    dir ist es wichtig, das ist klar, aus manchem Buch raucht  Qualm ..


    Ich möchte selbst bestimmen

    was ich trage, was ich glaub,

    daher bin ich für Diktatur´n auf beiden Ohren taub.

    Lasst uns zusammentragen, was jeder gerne tut.

    Mit `ner gewissen Neugier wird´s Leben einfach gut.


    Trag du nur deine Schürze.

    Ich koch für mich allein.

    Dein Kopftuch das hat Würze!

    Rose für´n Jungen – ist fein!

    Dort beten sie zu sieben.

    Ne Frau ne andre küsst:

    Da möchte ich gerne leben, wo so was möglich ist.

    Lasst uns zusammentragen, was jeder gerne tut.

    Mit `ner gewissen Neugier wird´s Leben einfach gut.


Camille Claudel: La Valse

Du sagtest: "Hier - eine Orange."

Doch die Orange hatte ihren Duft verloren.

Du beteuertest, dass Du mich liebest,

doch durch Deine Stimme verlief ein Riss,

durch den ich meine Füsse stecken konnte.

Du ließest verlauten: "Ich bin doch da."

und erzähltest von Deinem Einkauf.

Da begann ich zu ahnen,

dass Dein Herz anderer Meinung ist.

Port du Vent

 

Hafen (Pforte) des Windes

ohne unseren Blick/ unsere Stimmen

mein Schatten schläft

von unserer Hoffnung.

 

Ich bin ein eine Königin 

auf die Erde gekommen

ohne Visum.

 

Dein Erdenherz

die Quelle der Worte

ich erwarte

   die Antwort des Echos.

Die Zeit der Haine

 

Dies ist die Musik der Haine

welche im Schrein des Gedächtnisses dieser Welt

aufgehoben ist –

wer Macht haben will, sagt:

dass seine Meinung die Einzige ist

seine Sprache die Einzige

sein Glaube der Einzige

sein Wissen das Einzige

sein Tanz und seine Musik . . .

wer Macht will, sagt:

         dass alles Andere weniger wert hat.

Doch ich, die ich mit dem Schrein verbunden bin, weiß,

dass die Musik aufersteht und stirbt

mit jedem Gesang der mit dem Schrein verbunden ist

verbunden mit dem Zuhause unserer Seelen

der Schöpfung, die uns das Leben lieh

diese Musik steht auf

und die Zeit der Haine kommt

für die Dauer ihres Gesangs.

Das nicht Betretbare

Es ist nicht im Suchen und es ist nicht im Finden –

doch es kann dort sein

Es kann im Warten genauso wie in der Eile sein

Es kann im Gebet sein –

dieses kann jedoch auch Form ohne Inhalt sein

Es kann im Wunsch und in der Hoffnung sein

genauso wie in der Verzweiflung

es kann auch dort grade nicht sein

Es kann in der Ruhe und im Schweigen sein

genau wie in der Rede und Antwort

Es kann aber genau dort nicht sein

Es kann im Gesang und in der Stimme sein

es kann jedoch auch genau dort nicht sein

auch wenn die Stimme stark und ausgebildet ist

Es ist nicht zu pachten

Es ist kein Programm

das wir nur einzuschalten brauchen

und dann sind wir im sicheren Bereich

Es ist keine Matrix

die etwas von Berechenbarkeit hätte

von richtig und falsch

höher - niedriger

Es ist nicht dazu da um deine Welt zu bestätigen

und Andere zu richten.


Es ist im Sein

in der Erde

in den Steinen

in den Pflanzen

im Wind

wenn es in dir ist

und du willst damit angeben

ist es weg.


Es ist in der Wachsamkeit

genau wie im Zweifel

in der Reue

und in der Demut

es ist im Weitergehen

und im stehen bleiben.


Es ist nicht da um dich zu erhöhen

und zu etwas Besserem zu machen.

Es ist da und verleiht Tiefenschärfe.

Es ist da und gibt dir die Hand.

Es ist da und flüstert in deinem Herzen.

Es ist eine unsichtbare Nabelschnur

ein Telefonkabel nach Hause

es wohnt im Gewissen

jedoch nicht in Gesetzbüchern.


Theater – Leben


Das Theater ist mein Leben
Rollen, welche die Wirklichkeit aussprechen,
weil die Welt zu taub ist zuzuhören.
Eine Bühne zu brauchen um Ich sein zu können.
Und im Wirklichen Leben Theater spielen um zu überleben.
Um Feinde an sich abgleiten zu lassen.
Um gut geschützt durch den Alltag zu kommen in dem nur gesiegt werden darf.


Was ist Theater – was ist Leben?
Georg Büchner und Sarah Kane sind wahrhaftiger als wir.



Nimm deinen Buddha und geh

 

Meinst du ich kann ohne deine Tipps nicht auskommen?

Hast du nicht gewusst, dass Ratschläge auch Schläge sind?

Von deinen Worten kaum entronnen bin ich benommen

es geht um Macht – wer ist hier das Kind?

Lass mich atmen, ich will deine Regeln nicht

deine Worte sollen nicht in mein Gehirn

weißt du nicht, dass eine Innenwelt in mir spricht in

diesem Lärm – kann ich sie nicht hören.

Weißt du, dass mein persönliches Ziel nicht die Erleuchtung ist?

Jedenfalls nicht wie du es benennst  –

weißt du, dass du immer weniger in meinem Herzen bist?

Und vor lauter reden das nicht erkennst …

 

Geh, ich möchte mein Herz schlagen hören

es ist das einzige was mich lässt

und wenn mich auch Worte und Dinge betören

mein Herz an dir halte ich mich fest.

 

Weißt du, dass ich dir zu nichts verpflichtet bin

dass du kein Anrecht auf mich hast?

Jemand der nur schweigt kriegt keine Beziehung hin

Doch wenn ich rede wird alles deiner Welt angepasst.

Du sagst du verstehst mich und hörst nicht hin

und holst die Rezepttüte raus

ich glaube es kittet nicht wenn wir in derselben Sekte sind

im selben Viertel, im selben Haus.

 

Geh, ich möchte mein Herz sprechen hören

ist das einzige das mich hält

und muss  ich auch gewohnte Dinge entbehren

mein Herz ist es, das meine Schritte wählt.

 

Ich glaube nicht, dass nach meinem Ableben im Jenseits

Meister und Schüler sind.

Ich glaube das Leben an dem wir weben

ist nicht nur in jedem Kind –

es ist in der Frau die grade abtreibt

es ist in dem Ich-weiß-nicht-was-ich-tun-soll –

es ist in dem Mann der lieber geht als bleibt

genauso wie in Ich-hab-die Schnauze-voll.

 

Ich glaube, deine Einteilung von Gut und Böse

ist die innere Zigarette an der du saugst

du hoffst darauf, dass jemand die Welt erlöse

vielleicht dein Glaube, der viel für dich taugt.

Das hatten wir schon mal: den Irrtum, dass ein Glaube

die Welt verbindend zusammenhält und Gebote

wie beim Römer die Traube: ab in den Schlund

die Lebensröhre hinuntergeschnellt.

 

Geh – ich möchte mein Herz sprechen hören –

wenn ich meine Einsamkeit seh

so ist sie mir lieber als etwas zu betören

das nicht für mich wahr ist:

nimm deinen Buddha und geh.

Frieden


Klein beigeben
alle Fünfe grade sein lassen
nicht das letzte Wort haben dürfen
die Füße unter den Tisch der Andern stellen


ist das Frieden?


Oder


Die eigene Wahrheit aussprechen
bis sie gehört wird
ein Recht
über sich selbst leben.


Gehört zum Frieden:


das richtige Programm zu wählen
den hippen Klick setzen
Experten entscheiden lassen


oder


kann Friede sein:


die eigene Größe finden
den Mund aufmachen
um innere Schönheit und Fähigkeiten
wissen.


Ist Frieden:


Während des Faschismus in Deutschland bleiben
weil Mann oder Frau nicht jüdisch ist?
Als Frau fünf Schritte hinter dem Mann auf der Straße laufen?
Als Schwarze nur bei Schwarzen einkaufen?
Das tun was Andere sagen?

Ist das Frieden?


Verlangt Friede nicht viel mehr:
es nicht zu ertragen, wenn mit den Nachbarn schlecht umgegangen wird?
Sich für die Achtung von Menschenrechten einzusetzen
Frauen und Männer auf einer Höhe gehen lassen.
Traditionen über Bord werfen, wenn sie sich als demütigend erweisen?
Als Mensch mit schwarzer Hautfarbe in einem Geschäft einkaufen, welches Menschen mit weißer Hautfarbe gehört – auch gegen ihren Willen?
Ist das nicht viel eher Friede –
sich für eine Welt einsetzen, in der es Frieden für alle gibt?

An Dich möchte ich mich gar nicht gewöhnen

Vielmehr betrachte ich Dich immer wieder

vor meinem inneren Auge

wie Du zu mir kamst

aus der Ferne des Ubekannten.


Unsere Schritte aus Nähe und Distanz

ertasten sich einen Tanz

der nur uns gehört.

Ich wache in jede Bewegung hinein.

Nur wenn wir eins sind,

bleiben wir einander.



Stille Nacht


Stille Nacht
einsame Nacht
wir können nicht schlafen
durchwachte Nacht.

Morgens glätten wir das Gesicht
nachher denkt jemand etwas stimme nicht
vielleicht bin ich depressiv?

Stille Nacht,
heilige Nacht
in der alles mit uns stimmt
in uns erwacht
eine Sehnsucht, ein Wunsch
eine Idee
die unser Leben verändern will
und sich auf diesem Weg
Gehör verschafft.

Hätte Maria das Kind nicht bekommen
wäre ihr Leben einfacher gewesen
schmerzfreier.
Niemand hätte ihren Sohn
vor ihren Augen gefoltert und getötet.

Das Licht der Veränderungen billigt keine
falschen Könige und Königinnen.
Die Liebe sehnt sich nach der Liebe.
Wir alle haben der Welt etwas zu geben.

Diese stillen, einsamen Nächte sind es
die uns das Leben zurückschenken wollen,
welches sich danach sehnt, gelebt zu werden.
Stille, einsamen Nacht,
geborgene Nacht
Mut und Gnade Euch allen.

Als der Wind wünschte

Als der Wind sich wünschte ein Ton zu werden
versuchte er es mit Flüstern
und die Sonne kam und streichelte ihn
in einiger Entfernung stand ein Mensch
dieser beachtete ihn nicht.

Als der Wind sich wünschte ein Ton zu werden
versuchte er es mit Klagen
und die Regentropfen
sangen ihm ein Lied.

Als der Wind sich wünschte ein Ton zu werden
da sah er, dass dieser Welt etwas fehlte
und er seufzte laut
mitten im Beton
und die Leute schlugen
die Fensterläden vor ihm zu.
Da griff er nach Hüten, Jacken und Regenschirmen
und fuhr dann in die Eisenrohre am Bahndamm
und kleidete sich bunt und klangvoll.

eins und zwei


allein

bin ich vollständiger

als zu zweit

wenn der andere nur halb ist

wir können eins sein

wenn wir zwei sind

die sich selbst haben

und dieses selbst 

einander hemmungslos schenken

denn jedes selbst hat seinen ursprung

dort

wo wir alle miteinander verbunden sind


Farben des Regens

 

Nie wieder soll der Regen

seine Farben verlieren

 

Farben der Klarheit

und Farben der Ehrlichkeit

Farben, aus denen etwas Neues entstehen wird.

Lass uns hinaus laufen, in diesen Segen

der vom Himmel fällt.

Die Sonne soll erst scheinen,

wenn wir rein gewaschen sind.

 

Lasst die vorgeschobene Ruhe fallen:

sie ist ein verdorbenes Gewand

das können wir nun ablegen.

 

Hört ihr die Musik?

 

Unsere Seelen

von Tönen empor gehoben –

ein schützender Mantel über uns.

 

Und wir tanzen in den Tränen

                    einer lachenden Musik.

Bild: Sammlung edition memoria, Hürth.

Klopfwörtergeschichte in Corona-Zeiten, aus circa 40 an mich gesandte Worte, die durch eine Geschichte verbunden werden:



Vom Schwingen der Steine


Die Vollbremsung, die aus einer Solidarität mit den Fröschen heraus geschah, welche tapfer ihren Weg über die Straße hüpften, verursachte einen abrupten Fall des Hundes, vom Beifahrersitz in die Fußablage. Limo, die französische Bulldogge, blickte mürrisch auf die erschöpfte Fahrerin des quietschgelben Cabriolets.
„Da haben die flotten Hüpfer aber einen Engel gehabt, der auf sie aufpasst“, dachte der getupfte Pfotenbär.

Lou stieg aus und bestaunte mit ihm zusammen die Vielzahl von Amphibien, die die verlassene Straße bevölkerten.
Mit ihrem platonischen vierbeinigen Lebenspartner hatte sie sich auf den Weg in den Wald begeben, um an ihrer Feuerperformance zu üben. Zu Hause gab es keinen Garten. Höchstens das Dachbodenatelier und wenn sie darin sich selbst und ihre Feruerkunst schwang, kippten die Leinwände um. Wenn sie im Park übte, glotzten Passanten, die umherspazierten und sie wichtigtuerisch in ein Gespräch verwickeln wollten und ihre Eintönigkeit durch sie zu beenden suchten. Das nervte. Und jetzt, in diesen Zeiten der großen Seuche, in der ein Ansammlungsverbot von mehr als zwei Personen galt, würde sie ihre Mitmenschen auch noch dazu anregen, eben dieses zu tun: zusammen im Park vorkommen– mehr als zwei.


Lou seufzte und bewunderte die beträchtliche Schar der grünen Quaker. Hier war ein Paradies – für Frösche.

Auch ihr erschien der nicht sichtbare Engel, den Limo schon erblickt hatte. Nach all dieser Zeit, in der das Draußen gemieden wurde, fingen die Ureinwohner an, sich sicherer zu fühlen und bahnten sich ihren Weg durch die Freiheit.

Die verheerende Zeit des plattgefahren Werdens schien vorbei.
Lou strahlte. Was für ein Ereignis. Limo wedelte fleißig und suchte ihren Blick. Er liebte ihre Anerkennung und das verursachte ihm Nasenkitzeln. Er rieb seine Pfote über sein kreisrundes Gesicht, mit dem weiß-schwarzen Hügel darin, der seine Schnauze formte. Doch er ahnte auch was Lou vorhatte und konnte es an dem Metallkoffer riechen, den sie bei sich trug: sie würden sich eine feuchte Lichtung suchen, er würde sich auf oder unter eine Bank legen oder einen Baumstamm oder einfach nur Insekten gucken und dann kämen die Feuerfinger zum Einsatz. Das waren nach Brennspiritus riechende silberne Spiralen, die mit Kefflerband gekrönt auf die Finger gesteckt wurden, in das stinkende Brennzeug getaucht, angezündet und dann begann ein Feuer-Tanz.
Doch jetzt im Sonnenlicht würde auf das Feuer doch verzichtet werden oder? Andererseits war es Wald im dunkler. Er würde sich überraschen lassen.


Ein erneuter Ausdruck des Staunens erschien auf dem Gesicht seiner Gefährtin. Rotwild?

Er folgte ihrem Blick und blieb angewurzelt stehen: da war ein kleiner Junge im Wald. Dieser hatte eine grüne Strickjacke an und eine rote feine Strickmütze aus Wolle auf dem Kopf. Dazu trug er eine hellblaue Flanellhose und Barfüße. Er saß auf einem abgeholzten Baum und weinte .
Limo lief zielstrebig zu dem wenig glücklichen Wicht, kam er doch bei Kindern allgemein gut an. Diese streckten so oft spontan die Arme in die Höhe, wenn sie seiner gewahr wurden und riefen „oh wie süß.“ Er vermutete, es lag an seinen Kulleraugen, in die er selbst nicht blickte. Doch Menschen trugen in sich die Angewohnheit, sich selbst in die Augen zu sehen, in jenem Moment, da sie sich dem Spiegel zuwandten – doch er, Limo, fand das stinklangweilig. Und zum Winseln fand er, das Menschen eine ganze entwicklungspsychologische Erkenntnis darauf aufbauten: Lacan und der Spiegeleffekt. Ach was hatten die für eine Ahnung, die Zweibeiner. Doch das war jetzt nicht wichtig. Wichtig war der kleine Junge, mit den durchsichtigen Tropfen im Gesicht.
Die Mini-Dogge kam, wie vorauszusehen war, früher bei dem Kind an als ihre Begleiterin, ließ das Geäst unter den Pfoten knacken, setzte sich vor es hin, richtete die Knopfaugen auf das blasse Gesicht, welches seinen Ausdruck änderte sobald es begriff was es sah.
„Da bist du ja!“ rief der Kleine. „Ich hatte von dir geträumt und dann lief ich in den Wald um dich zu finden. Zu Hause sind alle ganz schlimm. Sie gucken nur fern oder ins Tablet und beachten mich kaum. Dann streiten sie. Heute Morgen, vor dem Aufwachen, kamst du in meinen Traum und jetzt bist du da. Ich bin der Max!“
Der Sonnenschein fiel durch Zweige und junge Blätter, vergoldete sie, ließ Partikel in der Luft glänzen und strich durch das Haar des Jungen.
„Hallo Max, ich bin Lou.“ Lous Stimme mischte sich in die Sonnenpartikel. „Das sieht schön aus, nicht?“
„Meine Mutter ist ein Verdachtsfall“. Gab der Junge zurück, als hätte die sommersprossige rothaarige kleine Frau danach gefragt. Und sie hatte auch danach gefragt, es war nun mal nicht außen zu hören.
„Ein Verdachtsfall.“ winselte Limo bekümmert und bellte leise. Und auch Lou wiederholte mit offenem Blick: „Ein Verdachtsfall.“
„Ja. Und jetzt sind alle bodenlos unglücklich. Aber sie waren vorher schon schlecht gelaunt und es ist doch auch meine Mutter.“
Bei seiner Klage vergrub er seine Finger so gut er konnte zärtli ins weiche Fell und dann lachte er. „Wunderbar“ rief er. „Jetzt habe ich einen Freund.“
„Dieser Freund heißt Limo.“ verkündete Lou. „Wollen wir eine Runde durch den Wald drehen?“
Max nickte und erhob sich. Mit dem Handrücken berührte er seine feuchten Wimpern.

„Tränen sind Diamanten der Seele.“ behauptete Lou und voller Verbundenheit starrten sie nochmal in die Lichtpartikel, die Bäume mit ihrer Rindenhaut und sogen Luft in die Lungen. „Komm, wir gehen zum Schwingenstein. Der ist ganz in der Nähe.“
Mit der Atemluft kam die Hoffnung. Mit der Hoffnung wuchs die Solidarität.
„Das hat mir so gefehlt.“ gab der Junge zu. „Mir hat gefehlt, das einer von den Großen was mit mir macht. Sie lassen überhaupt keinen Zwischenraum: da ist immer eine Scheibe zwischen. Ich habe keinen Platz. Und jetzt sind sie noch komischer geworden. Wegen diesem . . .Koma. . . rona . . .oder wie das heißt.“
Inzwischen befanden die Drei sich auf dem Weg zum Stein.
„Sie haben alle Todesangst.“ gab Lou zu bedenken. „Und du hast großes Glück: du bemerkst, dass zwischen den Menschen deiner Umgebung und dem was sie sehen ganz viele Scheiben sind.“
„Ja, ich weiß“, antwortete Max zögernd und blinzelte die Frau an. „Und ich versteh es auch nicht: alle meine Freunde gucken in diese Vierecke! Übrigens ist es total klasse, dass ich mit dir reden kann. Mit den Erwachsenen kann ich nicht so gut reden und mit den anderen Kindern auch nicht. Sie sagen, ich wäre komisch, ich solle nicht so viel fragen, im Netz stehe alles und warum ich so unsicher bin. Aber ich bin gar nicht unsicher – ich bin nur viel . . .“ er stockte und schien das Wort auf Lous Wange zu suchen.

„Gründlicher?“ schlug sie vor.
„Ja, gründlicher. Denn fragen bedeutet irgendwie . . .betrachten . Als sie heute beim Spargel essen waren, bin ich abgehauen.“
„Spargel ist auch nichts für Kinder.“ knurrte die französische Bulldogge. Aber das verstand keiner so richtig.
Während des Gesprächs bemerkten sie nicht, dass es um sie herum dunkel geworden war. Düstere Wolkenschiffe glitten um sie und ihre Bäuche barsten in temperamentvolle Wasserschwärme. Glücklicherweise hatten Lou, Max und Limo den Schwingenstein inzwischen erreicht und dieser war so mächtig, dass er auf einer Seite eine höhlenartige Vertiefung bot, in die sie sich hockten und in die kein Regen fiel. Moos glänzte auf dem Stein und Max kamen auch die Wassertropfen wie Diamanten vor. „Wunderschön.“
„Ja, zauberhaft.“ bestätigte Lou und lehnte sich an den Felsen. Die Welt war in eine Art Endzeitstimmung geraten und nun waren sie hier in eine surrealen Gegenwelt gelangt oder Anderswelt, je nach Blickwinkel und das gefiel ihr zunehmend.
Limo schnupperte am Waldboden und suchte ob es schon Gänseblümchen gab. Der Waldboden war für seinen feinen Geruchs-Sinn wie ein Erkenntnis-Buch.
„Was die Menschen so verpassen.“ dachte er, denn durch seine Nase formten sich in seinem Inneren Bilder, die ihm über viele zurückliegende Jahre Auskunft gaben. Er schwelgte in Gerüchen, Informationen und Visionen. Dann streifte ihn ein wärmender Lufthauch. Er hob seine Schnauze in die Höhe und bemerkte, dass die Wolken keine Bäuche mehr trugen.

Sie waren fort. Dunst stieg vom Waldboden auf. „Das ist alles Liebe.“ empfand er. „Sie zieht aus dem Boden in die Geschöpfe“ und er kläffte aufgeregt mit seiner etwas heiseren Stimme. Zuversicht strömte sein glänzendes Fell aus und er buckte an seine zweibeinige Lebensgefährtin an.
„Wir brauchen eine Wandlung.“ sagte Lou bestimmt.
„Kennst du Mutter Meera?“
„Nein.“ Sie krochen aus der Nische und streckten ihre Arme und Beine. "Wer ist das?"
Max hüpfte ein wenig. „Ich weiß es auch nicht. Meine Mutter sprach davon. Irgendwas fand sie ganz wunderbar, aber ich weiß nicht was. Ich wünschte, sie würden mich auch so wunderbar finden. Und so wichtig wie Jerusalem, wo immer alle hin ziehen und einer bekommt keinen Stuhl."

"Wir fahren in einer Fahrradrikscha nach Jerusalem und haben alle Platz." schlug die abenteuerliche Frau vor, deren Alter für Max rätselhaft schien: in manchen Momenten wirkte sie wie ein Kind und in anderen knorrig alt und  dabei voller Bewegung.


Lou hatte inzwischen eine Möglichkeit gefunden, um auf den Schwingenstein zu klettern.

Die beiden Begleiter folgten ihr.


„Wir brauchen eine Brandung aus Worten!“ rief sie, als sie oben angelangt war.


Und dann tanzten sie auf dem Stein – alle drei: der Junge, die französische Bulldogge und die rothaarige Frau mit den Sommersprossen. Sie tanzten einen Tanz mit der Bitte um Buchstaben, um Sätze, seelengleich, die sich im Inneren bilden und Menschen umfassen und wirklich berühren können. Und bei ihren Bewegungen verausgabten sie sich und wurden gleichzeitig mit der Kraft gefüllt, die die diejenigen bekommen, wenn sie sich ganz geben und keine Scheibe zwischen ihnen und der Wirklichkeit gibt.

Und die Wirklichkeit? Die gibt es wirklich. Das weiß sogar der Schwingenstein. Oder sollte ich lieber sagen: vor allem er.

Als nächstes  bat ich um eine Note und bekam ungefähr sechs Noten zugesandt. Diese habe ich nun  in den "Valse pour Mahatma" einkomponiert. 

Es ist möglich, den Walzer nur als Melodiestimme zu spielen. Für eine Gitarrenbegleitung gibt es Akkordangaben.

Und wer die Möglichkeit dazu hat, spielt alles.



Fine

Vom Tisch, der nicht mehr passte


Bernd und Isa saßen in der Küche.
Er hatte es sich angewöhnt, die Neuigkeiten des Tages aus dem Computer zu saugen und sie dann Isa weiter zu erzählen. Dabei ließ er nie seine eigenen Gedanken außeracht, schließlich sollte seine Freundin gleich wissen, wie die Sachverhältnisse einzuordnen seien. Er liebte es, sich reden zu hören, aus den richtigen Zeitungen lesend, samt der richtigen politischen Einstellung, er war zufrieden.
Was er dabei nicht bedachte, dass seine Freundin Poetin war. Diese nahm nüchterne Fakten zwar auf, doch diese gesellten sich in ihrem Inneren zu einem komplexen Geschehen, dass er nicht verfolgen konnte.
Er war grade daran, seine Stimme zu einem weiteren Vortrag zu erheben – vor sich das erstrebte Abendessen – da vernahm er es – eine Irritation – sie schrie ihn an.
Das war doch . . . das ging doch nicht.
Isas Stimme wurde leiser: „Wir beide passen zusammen nicht an einen Tisch.“
Da verging Bernd sogar die Lust auf sein Abendessen.
„Außerdem – auch wenn mit deiner Frau nichts mehr läuft – ich mag es nicht, dass du verheiratet bist. Ich finde, dass du die ganzen Lorbeeren zu früh erhältst.“
„Weißt du was die Ehe ist? Ein Stempel - mehr nicht.“
Mit großen hasserfüllten Augen blickte sie ihn an.
„Meine Frau hat mich schon am ersten Tag genervt, ach was red ich, gleich nach dem Standesamt hat sie schon etwas getan was mir nicht gefallen hat.“
Isa erstarrte. Der Typ war ein Petrus. Was für ein Verrat.

Zudem sprach über seine mehrjährige Ehe wie von der Haltung eines Haustiers. Und auch diese sollten nach Isas Meinung anspruchsvoller beachtet werden. Was für ein Pascha.
Bernd eilte vom Tisch hinweg zu seiner verstreuten Paar-Tage-Ausrüstung.


Er brachte jedes Mal so viel Liebe mit, wenn sie sich länger nicht gesehen hatten. Leider verbrauchte sie sich dann auch wieder.
Isas Art von Emanzipation war nicht die der Gegenselbstständigkeit. Sie, Isa, forderte die Liebe ein: liebevolles Handeln, Ausdrucksweise, Denken. Bedingungslose Liebe gab es nicht auf Wunsch. Die war für Säuglinge. Für einen Menschen wie Bernd schien sie von jener Auswirkung, dass  sie sich in einem Sofaheldendasein niederschlug.
„Nein,“ dachte Isa, „Liebe ist eine Aufforderung. Kein Grund sich gehen zu lassen.“ Und ihr kam vor Augen, wie er sie Nachmittags in Unterhosen und aufgeklappten Laptop, nachdem sie von einem Meeting gekommen war, die Tür geöffnet hatte.
„Was für ein unklarer, überheblicher Mann . . . aber zärtlich.“


Bernd sah nett aus. Die Freundinnen kannten ihn von Fotos und sagten dann in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes: „Der sieht doch nett aus.“
Doch ihre Freundinnen waren nicht mit ihm zusammen. Und Beziehungen wie die ihrer Freundinnen, wollte sie nicht.
Bernds Liebe glich einem Wohnzimmer, in dem er es sich behaglich eingerichtet hatte. Doch die Poesie stand gut verstaubt in den Regalen. Sie befand sich nicht auf der Zunge ihres Privatzuschauers.
Isas Liebe glich einem Pfad am Wildbach: es gab Schluchten, wilde Schönheit, knorrige Bäume, Sonne, Kälte, Regen, Wärme, Abenteuer.
Sie schwieg. Er packte.
„Lass mich bloß in Ruhe.“ Grollte er und seine Stimme durchzog Selbstmitleid.
„Die Liebe nimmt alles und sie gibt alles, du Trittbrettfahrer der Liebe,“ verschwieg sie und sah in die Nacht hinaus, auf eine Straße ohne Lebende.

Diese waren vor einer Seuche in die Wohnungen gewichen, verschanzten sich dort und waren sich ausgeliefert. Oder sie nutzten die Zeit miteinander. Was für ein Privileg es war, niemandem ausgeliefert sein zu müssen, weder psychisch noch körperlich. Und das andere Privileg wäre, sich einander zuzuwenden ohne all die Mittel der Ablenkung. Das schien ungewöhnlich in einer Zeit wo alle woanders hin blickten als sich selbst und gegenseitig an.


„Es wäre einfacher, wenn er immer schlecht wäre. Doch so sind die Menschen nicht: sie sind komplex – warm und kalt, freigiebig in einer Sache  und geizig in einer anderen, starr und für einige Momente beweglich. Interessiert und dann doch wieder in ihrem Hamsterrad aus Eintönigkeit. Schade.“ Sie fühlte noch seine sanfte Haut an ihrer Schulter – vergangen. Er konnte die Liebe nicht hüten. 


Er verließ das Haus wie jemand, der sein Verlangtes nicht bekommen hatte. Mit ihm zog sein Rollkoffer in die Nacht hinaus. Leergeliebt, ein Bettler, der doch reich war und eine tote Ehe behielt um wohlhabend zu sein.

"Mit der Liebe wollte er es anscheinend so händeln, wie mit einem Gelddepot: gut angelegt. Ein Recht darauf haben. Zinsen. Nach seinen Gesetzen. In einer Welt aus Zahlen." Sie schloß die Tür zum letzten Mal hinter ihm. 

Ein weiterer Klopfwörtertext:


Hülle der Fülle


Die Zuversicht saß auf einem Ast und baumelte mit den Beinen unter denen ein Gewässer schimmerte.

Da spazierte die Fülle am Ufer entlang und hatte den Sonnenschein ganz für sich eingenommen, der mit seinen lächelnden Händen zu ihr sprach. 

"Hey," rief die Zuversicht und wippte auf dem Arm des Baumes auf und ab, "ihr könnt nicht immer nur zusammen rumhängen, die andern sind auch mal dran. Fülle - du hast so sehr an Umfang zugenommen - horten ist nicht angesagt."

Da stieg der Fülle die Röte ins Gesicht und sie schämte sich ein wenig, hatte sie sich von der Selbstvergessenheit zu sehr beeindrucken lassen. Da nahm sie gleich etwas ab und passte wieder in jenes Boot, das die Zuversicht für den nächsten Einsatz ans Ufer bereit hielt.



Klopfwörtertext : Worte von Passanten in Osnabrück/ Sonnenhügel


Fliehende Wünsche

Die Maiglöckchen brachen aus dem Boden hervor. Die Form ihrer Blätter ließen mich an Pottwale denken. Das Beet wandelte sich in eine bizarre Landschaft aus Erde und Meer. Einem Urinstinkt folgend legte ich meine Handflächen an den Stamm des Kastanienbaumes und erdete mich.
Dumm fand ich, dass die anderen Menschen meiner Umgebung das scheinbar nicht so sahen. Sie gingen an unserem Beet vorbei, als existierten sie nicht – die Pottwale.
Lieblich mutete dieser Nachmittag an. Die Maiglöckchen mit ihren glockenförmigen Köpfchen würden bald wieder im Wind ihre Töne von Kelch zu Kelch schwingen. Freude! Frühling – bald Sommeranfang.
Plötzlich ploppte im Gras eine Whatsapp – Nachricht für mich auf. Die Pottwale verschwanden in die trockene Sonne, im Baum knackte es und die Glöckchen waren noch gar nicht auf der Welt.
„Wie können Blumen klingen? Was für eine Idee . . .“
Mein Kollege Almo meldete sich: „Ist das Unterwäschekonzept für Montag fertig?“
lautete seine Erinnerung. Wir hatten neulich in der Wäschedesign-Teamsitzung darüber nachgedacht ob all die potentiellen Kundinnen und Kunden während und in der abnehmenden Coronakrise vielleicht neue Motive anziehend fänden. Was für Bedürfnisse entwickelten die Leute durch so eine Krise? Was weckte es in ihnen, das wir aufgreifen könnten um sie dazu zu bewegen unsere Produkte zu kaufen? Wir wollten ihren Wünschen zuvorkommen. Sie würden erst bei der Ansicht unserer Unterwäsche darauf kommen, dass diese die Antwort enthielt.
Was konnte das sein? Eine Serie dieser großen Unterwassersäuger? Standen sie vielleicht für Freiheit – Größe – Unerreichbar von einem Coronavirus, denn sie hielten sich im Element Wasser auf.
„Pusteblume“, dachte ich. „Ja, das war es: die Pusteblume wurde mit unserem Atem angehaucht, was angesichts einer Krankheit, die sich über das Ein- und Ausatmen verbreitete, beziehungsweise über die Tröpfchen, die mit unserem lebenserhaltendem Dauerzustand in die Luft entwichen, Schrecken verbreitete. Doch eine Pusteblume wandelte alles zum Guten: das Symbol der verträumten Minifallschirme für Elfen, die zigfach erd- und himmelwärts schwebten, brachte uns eine intakte Welt zurück. Die Unterwäsche würde also mit Pusteblumen und ihren kleinen Partikeln geschmückt werden. Und vielleicht gäbe es noch eine zweite Kollektion mit dem Schwanzflossenschlag eines Pottwals und wie Blumensamen würden die Wassertropfen sich dezent ihren Weg über den Flanell- Seiden- oder Baumwollstoff suchen, in das Ziel eines unbekannten Traumes hinein.“

Coronäen


In der Coronazeit entstandene Werke, die keinen im Text erwähnten Bezug aufweisen.





Wenn die Wolke kommt

Und dann kam die große Wolke, die jegliches Menschenleben auf der Erde in ihr Parfüm einwob. Und das Parfüm drang in ihre Gehirne und spontan verbanden sich beide Gehirnhälften wieder miteinander. Und die Wolke dünstete Gase aus – unentrinnbar - und diese Gase drangen in die Herzen der Humanoiden und verbanden diese mit den Gehirnen. Mitempfinden geschah durch berühren eines anderen Körpers mit der Hand und schon die Augen erkannten den Zustand der Mitgeschöpfe. Die Härchen auf der Haut stellten sich auf und ahnten.
Und die Menschen ließen ihre Werkzeuge fallen und erschraken und sahen sich um. Es entstand der Drang alles aufräumen zu wollen, wie ein Kriegsland nach seiner Zerbombung. Doch im Gegensatz zu den Trümmerfrauen wurden wir diesmal nicht von Gram durchbohrt und verhärteten nicht von den Verletzungen eines Stolzes, uns gegenseitig belauernd und beschämt von unseren Taten, dabei Steine sortierend und aufeinander schichtend.
Verlegen werden wir wohl bleiben - doch werden wir diesmal erkennen, dass wir die Vergewaltigenden waren. Wir werden wieder beschämt sein, doch diese Art des Kleinlautseins wird von dem zurückkehrenden Gefühl der Verbundenheit gelindert werden, sowie durch die Tatsache, dass wir uns beieinander entschuldigen wollen. Die Wolke wird unsere geistige Vollverschleierung aufheben.
Wir werden zu den Tieren sprechen, die wir uns einverleibten, die jeden Tag für uns eingepfercht unendlich viele Male gedemütigt werden.
Wir werden uns bei unseren Kindern entschuldigen, dass wir sie nicht genügend ansahen.
Wir werden bei unseren Frauen und Männern abbitten, dass wir ihre Körper benutzten. Die Pornoindustrie wird ein Schlag in das gedemütigte Gesicht des Menschen sein. Viagra wird mit vielen anderen Dummmachern belacht, betränt und bekotzt. Wir werden die Kleider von uns reißen, nicht aus Wollust, sondern weil wir frei sein wollen, von den Begrenzungen und Werten die wir uns selbst auferlegten. Wir werden uns selbst ansehen können, als sei uns eine Maske weggerissen worden und dann werden wir uns kleiden wie wir Lust haben, weil niemand uns mehr mit der Kleidung verwechseln wird, wir sind nun frei.
Der Drang, mehr zu essen als wir brauchen, wird von uns abfallen, weil sich plötzlich eine Öffnung für die Schönheit dieser Welt in uns auftut. Ihre Kostbarkeit wird durch uns strömen und uns sättigen. Alkohol und Drogen sind dann überflüssig.
Wir werden diese Erde von unseren Geräten befreien, von der Ausbeutung und Reduzierung auf Rohstoffe; wie ein Pferd, dem wir Zaumzeug aus Stacheldraht überzogen, damit es uns zu Willen ist.
Wir werden nicht mehr verstehen, wie es kam, dass wir lieber in kleinen Kistchen Menschen bei ihrer Selbsterhöhung zusahen und zuließen, dass es Fritzl, Lügde, die Odenwaldschule, gewisse katholische Internate, evangelische Jugendleiter, dass es uns selbst mit verzerrten aggressiven Gelüsten auf andere gerichtet, gab.
Wir werden uns selbst erkennen können.
Wir werden das Kampfgetümmel einstellen und jeder Soldat, jede Soldatin, jeder Machthaber und jede Machthaberin, jeder Diktator wird von einem Augenblick auf den anderen von Mitgefühl heimgesucht. Sie werden alle das Leid empfinden, dass sie in ihrer Verhärtung über andere brachten. Ungeachtet dessen ob die Diktatur in Familie oder Staat waltete.
Wir werden die Pflanzen, die Bäume, die Steine, das Wasser, die Wiesen, die Schweine, die Mitmenschen ansehen.
Wir werden erwachen wie nach einem bösen Traum.
Wir werden versuchen zu begreifen, wie es dazu kommen konnte, dass wir das falsche Ich fütterten – den Ich-Ersatz – die Gier.
Wir werden entsetzt sein, dass die Verschleierung und Manipulation unserer selbsternannten Schwächen , uns lieber waren, als den Schmerz und die Kleinheit des Verletzt seins zu empfinden.
Die Schlaflosen werden wieder schlafen können – da die Geborgenheit endlich da ist, die sie bräuchten, um sich auszuruhen.
Die Lauten werden aufhören alles zu übertönen, da sie sich dann so aufgeblasen fühlen. Es wird ihnen daran liegen, die Leisen zu hören und sie werden erkennen, wie laut diese sind. Die Leisen werden über ihre Live-Wirkung überrascht sein.

Indirektes Reden übereinander entfällt, da nun alle einander vertrauen können.

Niemand braucht mehr zu funktionieren, denn alle wollen aus der eigenen Beschämung heraus und aus dem Drang etwas wieder gut machen zu wollen, einen Lebensraum erschaffen, der durch die Freude an der Schöpfung ausgefüllt werden will.
Wir alle sind wieder mit Lebensfreude gefüllt und verbunden, weil wir aufhörten schlecht zu sein. Wir sahen ein, dass wir das Tier das aus dem Wasser steigt mit den sieben Hörnern mit jeweils zwölf Kronen drauf selbst waren.
Wir werden die Köpfe schütteln, wenn wir daran denken, dass wir wichtig fanden ob Frauen Frauen, Männer Männer oder die Geschlechter sich gegenseitig liebten und diese danach deuteten.
Uns wird das Verständnis dafür fehlen, das wir einst wollten, dass alle dieselben Gottheiten, Meinungen haben sollten.
Es wird keinen Spaß mehr machen, mehr zu haben als andere. Es wird auch kein Sinnverlust aufkommen, dadurch, dass sich das eigene Leben nicht mehr um das Horten von Geld und Besitz dreht, denn alle Sinne sind wieder belebt.
Der Drang zur Überbevölkerung erledigt sich von selbst, schon deswegen, da wir so viel mit dem Aufräumen, mit dem Sorge tragen, dem Entschuldigen wollen zu tun haben. Die Kinder die da sind machen natürlich mit. Denn sie lieben alles was echt ist und von Herzen kommt.
Das alles wird eintreten, wenn die Wolke kommt.

Zu Beginn der Corona-Krise erschien ein Artikel in der NOZ, dass ein Mann Aufruhr in einem Supermarkt damit auslöste, dass er fünfzig Packungen Mehl kaufen wollte und aggressiv reagierte als ihm sein Vorratskauf verwehrt wurde. Nun habe ich eine Geschichte dazu ausgedacht, natürlich mit fiktiven Personen.



Fünfzig Tüten Mehl


Marc saß zu Hause an seinem Computer und spielte Ego Shooter.
Im Hinterkopf bahnte sich, durch das bildhafte Ballern auf Menschen hindurch, der Gedanke, dass ihn etwas im Zusammenhang mit seiner Freundin Marion beschäftigte. Marion hatte morgen Geburtstag und er hatte sich vorgenommen, fünfzig kleine Kuchen zu backen, zum Zeichen seiner Liebe. Sie hatte ihn, in all der Zeit, die sie sich kannten, mit all den Widrigkeiten und dem ganzen ungerechten Leben (seiner Meinung nach), nie aufgegeben und ihn im Gefängnis besucht, in welchem er, jenseits des freien Willens, eingesessen hatte, aufgrund jener Eigenschaft dass er sehr leicht die Geduld verlor. Er wurde stinkwütend, wenn er nicht bekam was er wollte.
Marc hatte einen Taxifahrer geprügelt, der neu in Deutschland lebte und sich verfuhr. Der Ex-Knacki glaubte im ersten Moment daran, der persisch anmutende Mann wolle ihn ablinken, der fahre extra einen Umweg.
„Scheiß Ausländer“, hatte Marc da gerufen, dem Mann eine Ohrfeige verpasst und wutentbrannt entstieg er dem Taxi. Ja und da war seine Bewährungsfrist hin.
Später - da sah er immer alles ein.
„Ptui. Ptui. Ptuin“, machte der Ego Shooter.
Jetzt musste der Spieler aber eilig fünfzig kleine Kuchen für fünfzig Jahre Frau holen, wenn auch er nur drei Jahre davon mit dieser teilte und bei der Gelegenheit würde er gleich auf Vorrat kaufen.
- Wegen wie hieß das Corona Scheiß Virus? Nein, die Hand gab er niemandem gerne. Aber Marion würde er noch einmal daran erinnern, dass sie niemandem die Hand geben sollte. Sowieso nicht - endlich hatte er einen Grund gefunden ihr das mitzuteilen. -

Die Jacke zog er sich im Treppenhaus an, als er die Stufen hinuntereilte. Er setzt sich auf seine Honda und nieste. „Corona?“ fuhr es ihm durch den Kopf?
Nein, denn es sind immer die Anderen die Gefährlichen. Am Aldi stoppte Marc sein Zweirad, stieg ab und dachte daran, dass aus diesen fünfzig Packungen Mehl irgendwie ein Geschenk gestalten würde: im Kreis angeordnet aus den verbliebenen Mehltüten („wahrscheinlich neunundvierzig“) und dann diese um die fünfzig kleinen Kuchen stellen. So ganz ausgereift war das alles noch nicht. Doch da wurde er aus seinen Gedanken gerissen.
„Was machen Sie denn da??
Inzwischen kam Marc mit seinen fünfzig Tüten Mehl an der Kasse an.
„Bitte, Sie können nicht unser Mail aufkaufen und die anderen Kunden und Kundinnen haben nichts mehr davon.“ Vernahm er aus dem Mund der Person, die an der Kasse saß.
„Sie kriegen das Geld und alles ist gut. Wo ist das Problem?“
„Das Problem ist, das im Moment sehr viele Menschen Angst haben und aus dieser Angst heraus Vorräte kaufen. Wenn Sie nun alle Vorräte kaufen, dann haben andere nichts mehr davon.“ Entäußerte sich eine ältere Dame im besten Wintermantel, den sie in diesem Winter völlig umsonst trug da es nicht sehr kalt war.
Es kam wie es kommen musste: alle behaarten auf ihrem Standpunkt.
Marc sah rot. Er schubste zwei Ladenarbeiter die dazukamen um den Streit zu schlichten. Das ging ja gar nicht, dass sich jemand in seine Angelegenheiten mischte. Und jetzt waren alle gegen ihn! Er kickte den Mitarbeiter der ihm zu nahe kam.
„Alter fasst mich nicht an!“
Dann kam die Wut und mit ihr verpasste er ihm einen Harten auf die Nase.
Die Oma im Pelz tippte aufgeregt ihrem Handy und holte damit die Polizei.
Die Polizei erreichte zeitnah den Supermarkt und Marc dachte an seine Bewährungsstrafe. Personalien wurden aufgenommen. Dann nahmen ihn die Beamten im Polizeiauto mit, um im Krankenhaus die blutende Nase untersuchen zu lassen, die er sich in dem Gemenge zugezogen hatte.
Von den fünfzig Packungen Mehl lagen nun siebenundvierzig aufgeplatzt über den Boden verstreut.
„Siebenundvierzig sind das,“ dachte Mark noch, denn er zählte sie rasch im Weggehen. „Das kommt weil wir erst drei Jahre zusammen sind und eigentlich wird sie drei - für mich jedenfalls. Ich hätte einfach drei kleine Kuchen im Kopf haben sollen aber das wäre zu egoistisch gewesen - es gab Marion schon vor unserer Beziehung.“
Und dann kam er schon angerannt, sein Bewährungshelfer, der sich einen Eindruck von der Situation machen wollte.
„Ob ich dir noch mal aus der Patsche helfen kann?“ waren dessen zweifelhaften Worte.
„Immer soll ich schuld sein!“ fuhr der Angesprochene auf und das Adrenalin rauschte durch seinen Blutkreislauf.

Marions Freundin kommentierte: „Ich glaube das Mehl was er kaufen sollte hat er im Kopf.“
Marion bekam nun überhaupt keinen Kuchen und in der Neuen Osnabrücker Zeitung erschien ein Artikel über ihren peinlichen Freund.



Klopfwörtertext vom 10. Mai, Platz des Friedens, Osnabrücker Innenstadt


Die Weitergabe


Bei High Five sollte es einen Gutschein geben. High Five heißt der Plattenladen in der Citty, so der Name des Einkaufszentrums.
Ich vermisse die kleinen Läden. In der Neuen Zeit ist vieles anders.


Es ist gut, wenn die Welt sich ändert, denn das Leben selbst ist Bewegung.
Die Atome tanzen umeinander. Die Erde und all die Planeten drehen sich in großer Geschwindigkeit um sich selbst,

ohne dass wir uns dessen Gewahr sind.

Selbst im Winter bereiten sich die Pflanzen im Verborgenen auf ein neues Wachstum vor und auch der Tod, der vermeintlich starr wirkt, ist ein Zersetzungsprozess. Die menschliche Spezies ist es, welche die Erstarrung durch chemische Manipulation der Elemente, hervorbrachte. Der Humanoide fühlt sich abgespalten von der Natur und wird durch diesen Irrtum fremdenfeindlich: er wähnt sich im Nachteil einem imaginärem Feind gegenüber. Er bringt Plastik hervor, mit dem er die Meere verschmutzt.

Er vermischt Flüssigkeiten und Bakterien unter künstlich geschaffenen Bedingungen, die uns dann bedrohen.
Er bezeichnet das Bekämpfen und neu erschaffen von Krankheiten als Fortschritt, da seine Art zu leben neue Formen des Krankseins hervorbringt. Um hier einige zu nennen: Verletzungen durch Waffen, Autos, Verseuchung durch Abgase, chemische Konzerne, Mikroplastik . . .“


Während ich doch keine Platte finde die ich mit mir nach Hause nehmen möchte, bleiben meine Gedanken an dieser Lieblingsautorin hängen, namens Fidera Manovi. Das Buch, das ich fast auswendig kenne, gab mein Großvater an mich weiter. Damals sollte er wegen einer Seuche namens Corona ins Krankenhaus eingewiesen werden. Luis wollte jedoch nicht ohne seine geliebten Menschen um sich herum sein und schon gar nicht sterben. Glücklicherweise war meine Großtante damals Rettungsfahrerin und organisierte die Entführung meines Opas. Zwar verlor sie danach ihren Job – doch das war es ihr wert.

Im Grunde war sie erleichtert. Schlecht bezahlt wurde sie plötzlich so hochstilisiert mit der Betitelung „systemrelevanter Job“ und „unsere wahren Helden und Heldinnen“, verdiente jedoch keinen Cent mehr. Außerdem war ihr eine Masse Menschen suspekt und gefährlich, die von einem Tag auf den anderen die Helden wechselte. Wie ungerecht denen gegenüber,

an denen der Kelch der Aufmerksamkeit stets vorbei ging obwohl sie völlig Systemrelevant waren:

Artisten, Musikerinnen, Tänzer, Künstlerinnen, Schauspieler, Autorinnen und viele mehr, die Farben und Gewissen verbreiteten.


Eine Ansammlung von Menschen ist aufgrund seiner in sich selbst entwickelnden Dynamik, immer gefährlich.“

erinnere ich ein Manovi-Zitat, als mir das zwanzigste langweilige Sammelalben in die Hände fällt. Seit der Neuen Zeit gibt es keine Soloplatten mehr sondern nur Zusammenstellungen von mehreren Personen und Maschinen. Es sind auch kaum akustisch hervorgerufene Töne zu hören. Die meisten musikalischen Bausteine werden von Maschinen hervorgerufen.

Für meine Ohren ist das nichts. Ich bin noch mit einem Instrument manuell aufgewachsen.


Beim Tod des Großvaters war ich dabei gewesen. Alle Anwesenden ließen ihre Peilsender in ihren Wohnungen zurück und trafen sich an jenem geheimen Ort, an dem der alte Mann sich im Sterben befand.
Luis, der sich seit seinem 15. Lebensjahr fleischlos ernährte, blickte auf ein 101 jähriges Leben zurück. Seit ein paar Jahren fühlte er sich so manches Mal überdrüssig und aus der Zeit gefallen. Er legte seiner Enkelin Fidera Manovis Buch in die Hände,

mit den Worten: „Verwahre es gut. Es wird mit Sicherheit verboten werden.“
Dann riss er die Augen weit auf und wünschte, dass alle Musik spielen. Wir holten alle unsere Gitarren, Schellenbänder, Geigen, Flöten und spielten mittelalterliche Tänze, tanzten, klatschten und sangen. So verschied Luis Paleur.


Ich gebe meine Plattensuche auf und grabe in meiner Hosentasche nach dem Sonnenschein. Mit besagtem Schein erhält die Bevölkerung kontrollierten Zugang zu den Orten, an denen die Sonne scheint. Dieses System ist nicht jederzeit allen zugänglich, sondern in ein Bonussystem eingebettet. Bei einer solchen Bewertung hätte ich sonst niemals Chancen auf den Sonnenschein. Meine Lebensart, meine Ausstrahlung sind offensichtlich zu unterschiedlich gegenüber der Allgemeinheit. Doch ich verfüge über gute Verbindungen.
Ich muss achtsam sein! Das Buch wurde wirklich verboten. Das ganze Konstrukt Buch wurde geändert: es gibt nur noch virtuelle Bücher. So ist es möglich, an einer Hauptzentrale ihre Inhalte zu verändern. Das gewünschte Wort, der spezifische Satz, Absatz, Kapitel werden mit einem Klick an sämtlichen Empfangsgeräten ausgewechselt.
Den Rezipienten ist das anscheinend egal oder sie bemerken es nicht. Sie sind das Nachdenken nicht gewohnt, sie haben es verlernt. Es gibt für alle Fragen und Antworten einen Klick und die Gehirne entwickeln sich dabei nicht weiter. Die Kleinkinder werden so früh wie möglich an diese Geräte heran geführt. Sie sind wie leere Gefäße, die keinen Gedanken selbst gesteuert tätigen. Sie verfallen dabei in eine eigenartige Gleichgültigkeit. Doch so funktionieren sie gut. Sie können nur das, was ihnen beigebracht wird.
Bei mir ist das anders. Ich bin mit Gesang und Tanz groß geworden. Ich habe Luis nie vergessen und Manovis Buch lernte ich auswendig. Ich werde geschnitten, doch mein gesunder Menschenverstand ist mir lieber. Es tut weh, auf einer Erde zu leben, auf der die Masse „um ein goldenes Kalb tanzt.“ Eine Ausdrucksweise der Christen, jedoch passend.
Auch Urlaub macht hier keiner mehr. Sie gehen in Reisecenter, legen sich in Liegestühle und empfangen Urlaubsilluminationen.


"Sicherheit ist eine Falle. In ihr kann das Leben ein Aushalten zum Tode hin werden." Fidera Manovi


Und dann entdecke ich eine Schallplatte von den Beatles - das rote Album. Wie kommt die hierhin? Vielleicht gibt es noch jemanden, der oder die ein Geheimnis hütet?