WORTE

WORTE

Die blaue Murmel


Ich hab die Erde gesehen

sie war einzigartig schön

als blaue Murmel

zog sie ihre Bahn.


Ich hab unsere Erde gesehen

auf der wir alle bestehen

in dieser Dunkelheit

flog sie ihre Bahn.


Und wir suchen auf ihr

und wir tanzen auf ihr

und wir funkeln auf ihr

streiten krachend auf ihr


und wir morden auf ihr

wir in Horden auch hier

manche stehen Spalier

Glanz und Lüge und Wahn.


Ich habe die Erde gesehen

eine kleine Murmel

sie war wunderschön

gespiegelt in deinen Augen


habe ich uns gesehen

in jedem Ton der rollt

in jedem Blick der fällt

mich an.


Wir sind kleiner als ein Staubkorn

wir sind kleiner als ein Staubkorn

deine Hand in meiner Hand

und zwei mal 21 Gramm


Fell, Rinde, Haut,

Erde, Blatt und Sonnenuntergang

und 21 Gramm.


Ich habe die Erde gesehen

sie zog wunderschön

widerstrahlt hinter deinen Wimpern

ihre Bahn -

und 21 Gramm.

Was wiegt 21 Gramm?

unser Körper wird so 21 Gramm leichter,

in dem Augenblick, da wir ihn verlassen werden.


Habe ich dir heute schon gesagt

dass ich dich liebe?

Habe ich dir das heute schon gesagt

dass es  nichts Wichtigeres gibt

nichts Wichtigeres als dies:

als deine Hand in meiner

möglich durch diese 21 Gramm.

Irgendwann


Irgendwann,
irgendwann
werden die Kulissen weichen
aus übergroßen Farben und Klängen gemacht.
Irgendwann
werden sie uns nicht mehr reichen
und das Seelenhungertier erwacht.
Irgendwann,
irgendwann
fallen Frösche quakend vom Himmel
sie regnen auf die Straßen und Häuser herab
und aus diesem bunten Gewimmel
tönt ein Gesang wie es ihn nie gab.
Irgendwann,
irgendwann
kehren wir zurück ins große Lied
und wir sehen uns staunend an
denn es gibt ihn nicht, den großen Unterschied
womit haben wir unsere Zeit vertan -
Irgendwann,
irgendwann,
irgendwann oder jetzt - bricht sie neu an!

Babel


Wir lagerten unsere Fähigkeiten aus

in Bits und Bytes

wir töteten die Künste

durch Superlative verkümmernder Hirne

wir erschufen Babel unzählige Male

jedem Menschen, jeder Stadt, jedem Land sein Babel

Zerfallendes

Mord erschafft Mord

das Unrecht lässt den Tätern weitere Taten.


Mein Lachen


Mein Lachen ist so einfach zu teilen
Doch wer umschließt mir die Hand
Wenn meine Füße die Schmerzen dieser Erde aufnehmen
Auf der sie wandern.

Küsee das Salz des Mitgefühls
Hilf mir, Mensch unter Menschen zu sein


Manchmal möchte ich die Haut von meinem Körper reißen
Um heraus zu treten und
Mit dem Adler zu fliegen
Mich mit dem Elefanten aufzubäumen
Mit den Büffeln fort zu rennen
Und mit den Molchen zu träumen.


Halte Wache
Während Verfolgungen und Demütigungen
Durch mein klopfendes Herz jagen.
Die kleine und die große Ekstase
In einem Tautropfen raupend
auf silberfädrigem Seil.


Die Tore zum Weltgewissen weit geöffnet.


Reich mir deine Hand
Wir bauen ein Boot für unsere Tränen
Und in der Nacht tanzen wir darin
Wie ein Feuer.

Der Flug des Falken –
Cierpienie (Hoffnung)

Deine Augen,
die aus dem Foto zu mir herausschauen,
in einem anderen Jetzt gebannt.
Jahre zu spät erblicke ich all das Grauen,
ein Anker, der dich mit unsrer Zeit verband.
Ich komme zu spät Dir die Hand zu reichen,
eine Tasse von dem, was du trinken magst.
Ich komme zu spät deine Haut zu streichen
und zu dir zu eilen, wenn du nach etwas fragst.

Aus meinem Gegenwart
neigt mein Ohr sich dir entgegen,
flicht dein Klang sich in meinen Lebensstrom.
Durch die dünne Glasschicht
stemmt mein Herz sich im Beben
dir entgegen und läuft der Zeit davon.
Ich komme zu spät Dir die Hand zu reichen,
eine Tasse von dem, was du trinken magst.
Ich komme zu spät deine Haut zu streichen
und zu dir zu eilen, wenn du nach etwas fragst.

Siehst du den Falken dort oben schweben?
Jedem Geschöpf ist diese Würde einbestimmt.
Die können wir hier einander geben,
wo wir miteinander sind.


Oswiciem 2010

The Trail of Tears


This is the trail of tears

the way you choosed for us

this is a path of fears

the way you choosed for us.


Ihr fühlt nicht was ihr denkt

ihr denkt nicht was ihr sagt

ihr sagt nicht was ihr tut

ihr tut nicht was ihr liebt.


Wer Angst säht,

muss in Angst leben.


Ihr liebt nicht was ihr lebt

ihr lebt nicht was ihr wollt

ihr wollt nicht was ihr habt

ihr habt nicht was ihr fühlt.


Wer die Lüge sät,

muss in Lüge leben.


Way of sorrow, way of life

way of emptiness, and closed eyes.


Wo sind die Teddybären?
Wie leben kleine Küken?

Wie können Kühe erwehren

was sie erleben müssen?


Wer sagt den Kindern die Wahrheit?


Wie säugt ein rosa Schweinchen?

Worauf steht das zerzauste Huhn?

Wer zählt die toten Beinchen?

Wie läuft es sich in Cowboyschuhen?


Wo ist sie hin, die Wahrheit?


This is the trail of tears
the way you choose for you
this is a path of fears

this is your trail of tears

the life you going through

this is your path of fears.


Way of sorrow, way of life
way of emptiness and closed eyes.

Way of sorrow, way of life
way of emptiness

your way of emptiness.




Fotos: Arne Tigges

  Von Kopftuch und Schürze


    Maria trägt ein Kopftuch

    und Özlem mag das auch.   

    Gardena schlingt ein rotes Tuch um ihren runden Bauch.

    Wilfried schwört im Winter

    auf `nen bunten Schal

    und Slummi trifft zwischen blau und lila Schuhen seine  Wahl.


    Ich trage keine Schürze,

    bekoch nicht meinen Mann – 

    bin ich deswegen für´s Verbot der Schürze dann und wann?

    Denn jede Frau die Überstunden an nem Kochtopf macht

    wird womöglich unterdrückt und von den andern überwacht.

 

    Ob Schürze oder Kopftuch,

    das ist doch schnurz wie hurz –

    entscheidend ist: du hast die Wahl, das Leben ist so kurz.

    Ob Mantra, Sutra, Phrase,

    Knigge oder Psalm,

    dir ist es wichtig, das ist klar, aus manchem Buch raucht  Qualm ..


    Ich möchte selbst bestimmen

    was ich trage, was ich glaub,

    daher bin ich für Diktatur´n auf beiden Ohren taub.

    Lasst uns zusammentragen, was jeder gerne tut.

    Mit `ner gewissen Neugier wird´s Leben einfach gut.


    Trag du nur deine Schürze.

    Ich koch für mich allein.

    Dein Kopftuch das hat Würze!

    Rose für´n Jungen – ist fein!

    Dort beten sie zu sieben.

    Ne Frau ne andre küsst:

    Da möchte ich gerne leben, wo so was möglich ist.

    Lasst uns zusammentragen, was jeder gerne tut.

    Mit `ner gewissen Neugier wird´s Leben einfach gut.


Camille Claudel: La Valse

Du sagtest: "Hier - eine Orange."

Doch die Orange hatte ihren Duft verloren.

Du beteuertest, dass Du mich liebest,

doch durch Deine Stimme verlief ein Riss,

durch den ich meine Füsse stecken konnte.

Du ließest verlauten: "Ich bin doch da."

und erzähltest von Deinem Einkauf.

Da begann ich zu ahnen,

dass Dein Herz anderer Meinung ist.

Port du Vent

 

Hafen (Pforte) des Windes

ohne unseren Blick/ unsere Stimmen

mein Schatten schläft

von unserer Hoffnung.

 

Ich bin ein eine Königin 

auf die Erde gekommen

ohne Visum.

 

Dein Erdenherz

die Quelle der Worte

ich erwarte

   die Antwort des Echos.

Die Zeit der Haine

 

Dies ist die Musik der Haine

welche im Schrein des Gedächtnisses dieser Welt

aufgehoben ist –

wer Macht haben will, sagt:

dass seine Meinung die Einzige ist

seine Sprache die Einzige

sein Glaube der Einzige

sein Wissen das Einzige

sein Tanz und seine Musik . . .

wer Macht will, sagt:

         dass alles Andere weniger wert hat.

Doch ich, die ich mit dem Schrein verbunden bin, weiß,

dass die Musik aufersteht und stirbt

mit jedem Gesang der mit dem Schrein verbunden ist

verbunden mit dem Zuhause unserer Seelen

der Schöpfung, die uns das Leben lieh

diese Musik steht auf

und die Zeit der Haine kommt

für die Dauer ihres Gesangs.

Das nicht Betretbare

Es ist nicht im Suchen und es ist nicht im Finden –

doch es kann dort sein

Es kann im Warten genauso wie in der Eile sein

Es kann im Gebet sein –

dieses kann jedoch auch Form ohne Inhalt sein

Es kann im Wunsch und in der Hoffnung sein

genauso wie in der Verzweiflung

es kann auch dort grade nicht sein

Es kann in der Ruhe und im Schweigen sein

genau wie in der Rede und Antwort

Es kann aber genau dort nicht sein

Es kann im Gesang und in der Stimme sein

es kann jedoch auch genau dort nicht sein

auch wenn die Stimme stark und ausgebildet ist

Es ist nicht zu pachten

Es ist kein Programm

das wir nur einzuschalten brauchen

und dann sind wir im sicheren Bereich

Es ist keine Matrix

die etwas von Berechenbarkeit hätte

von richtig und falsch

höher - niedriger

Es ist nicht dazu da um deine Welt zu bestätigen

und Andere zu richten.


Es ist im Sein

in der Erde

in den Steinen

in den Pflanzen

im Wind

wenn es in dir ist

und du willst damit angeben

ist es weg.


Es ist in der Wachsamkeit

genau wie im Zweifel

in der Reue

und in der Demut

es ist im Weitergehen

und im stehen bleiben.


Es ist nicht da um dich zu erhöhen

und zu etwas Besserem zu machen.

Es ist da und verleiht Tiefenschärfe.

Es ist da und gibt dir die Hand.

Es ist da und flüstert in deinem Herzen.

Es ist eine unsichtbare Nabelschnur

ein Telefonkabel nach Hause

es wohnt im Gewissen

jedoch nicht in Gesetzbüchern.


Theater – Leben


Das Theater ist mein Leben
Rollen, welche die Wirklichkeit aussprechen,
weil die Welt zu taub ist zuzuhören.
Eine Bühne zu brauchen um Ich sein zu können.
Und im Wirklichen Leben Theater spielen um zu überleben.
Um Feinde an sich abgleiten zu lassen.
Um gut geschützt durch den Alltag zu kommen in dem nur gesiegt werden darf.


Was ist Theater – was ist Leben?
Georg Büchner und Sarah Kane sind wahrhaftiger als wir.



Sternenbahn

- neden yasiyorum-


Ob das Blut, welches durch meine Adern fließt auf ewig gefriert
Oder auftaut, kann ich dir nicht sagen
Ich weiß lediglich, dass das Wasser in dem Bach klar ist unter dem Eis;

Und die Sonne
Trocknet sie nicht die grünen Blätter aus
Und gibt ihnen gleichzeitig Ziel und Bewegung?

Wenn ich nach dem Schönen greife
Beißt es mich in die Hand
Und tue ich es nicht
Zieht es an mir vorüber -

Wofür lebe ich?

Für den Augenblick, der mir Entzücken bereitet
Oder die Vergangenheit, welche Zukunft bedeutet:
Die Wurzel- hält sie nicht den Baum
Mit seiner Krone fest in der Erde?

Wir sind nicht so wie wir sind
Weil die Sterne zum Zeitpunkt unserer Geburt
Sind wie sie sind
Sondern weil wir eins mit den Sternen sind -
Und wie die Sterne, in ihren Bahnen.

Frieden


Klein beigeben
alle Fünfe grade sein lassen
nicht das letzte Wort haben dürfen
die Füße unter den Tisch der Andern stellen


ist das Frieden?


Oder


Die eigene Wahrheit aussprechen
bis sie gehört wird
ein Recht
über sich selbst leben.


Gehört zum Frieden:


das richtige Programm zu wählen
den hippen Klick setzen
Experten entscheiden lassen


oder


kann Friede sein:


die eigene Größe finden
den Mund aufmachen
um innere Schönheit und Fähigkeiten
wissen.


Ist Frieden:


Während des Faschismus in Deutschland bleiben
weil Mann oder Frau nicht jüdisch ist?
Als Frau fünf Schritte hinter dem Mann auf der Straße laufen?
Als Schwarze nur bei Schwarzen einkaufen?
Das tun was Andere sagen?

Ist das Frieden?


Verlangt Friede nicht viel mehr:
es nicht zu ertragen, wenn mit den Nachbarn schlecht umgegangen wird?
Sich für die Achtung von Menschenrechten einzusetzen
Frauen und Männer auf einer Höhe gehen lassen.
Traditionen über Bord werfen, wenn sie sich als demütigend erweisen?
Als Mensch mit schwarzer Hautfarbe in einem Geschäft einkaufen, welches Menschen mit weißer Hautfarbe gehört – auch gegen ihren Willen?
Ist das nicht viel eher Friede –
sich für eine Welt einsetzen, in der es Frieden für alle gibt?

Stille Nacht


Stille Nacht
einsame Nacht
wir können nicht schlafen
durchwachte Nacht.

Morgens glätten wir das Gesicht
nachher denkt jemand etwas stimme nicht
vielleicht bin ich depressiv?

Stille Nacht,
heilige Nacht
in der alles mit uns stimmt
in uns erwacht
eine Sehnsucht, ein Wunsch
eine Idee
die unser Leben verändern will
und sich auf diesem Weg
Gehör verschafft.

Hätte Maria das Kind nicht bekommen
wäre ihr Leben einfacher gewesen
schmerzfreier.
Niemand hätte ihren Sohn
vor ihren Augen gefoltert und getötet.

Das Licht der Veränderungen billigt keine
falschen Könige und Königinnen.
Die Liebe sehnt sich nach der Liebe.
Wir alle haben der Welt etwas zu geben.

Diese stillen, einsamen Nächte sind es
die uns das Leben zurückschenken wollen,
welches sich danach sehnt, gelebt zu werden.
Stille, einsamen Nacht,
geborgene Nacht
Mut und Gnade Euch allen.

Als der Wind wünschte

Als der Wind sich wünschte ein Ton zu werden
versuchte er es mit Flüstern
und die Sonne kam und streichelte ihn
in einiger Entfernung stand ein Mensch
dieser beachtete ihn nicht.

Als der Wind sich wünschte ein Ton zu werden
versuchte er es mit Klagen
und die Regentropfen
sangen ihm ein Lied.

Als der Wind sich wünschte ein Ton zu werden
da sah er, dass dieser Welt etwas fehlte
und er seufzte laut
mitten im Beton
und die Leute schlugen
die Fensterläden vor ihm zu.
Da griff er nach Hüten, Jacken und Regenschirmen
und fuhr dann in die Eisenrohre am Bahndamm
und kleidete sich bunt und klangvoll.

An Dich möchte ich mich gar nicht gewöhnen

Vielmehr betrachte ich Dich immer wieder

vor meinem inneren Auge

wie Du zu mir kamst

aus der Ferne des Ubekannten.


Unsere Schritte aus Nähe und Distanz

ertasten sich einen Tanz

der nur uns gehört.

Ich wache in jede Bewegung hinein.

Nur wenn wir eins sind,

bleiben wir einander.



Farben des Regens

 

Nie wieder soll der Regen

seine Farben verlieren

 

Farben der Klarheit

und Farben der Ehrlichkeit

Farben, aus denen etwas Neues entstehen wird.

Lass uns hinaus laufen, in diesen Segen

der vom Himmel fällt.

Die Sonne soll erst scheinen,

wenn wir rein gewaschen sind.

 

Lasst die vorgeschobene Ruhe fallen:

sie ist ein verdorbenes Gewand

das können wir nun ablegen.

 

Hört ihr die Musik?

 

Unsere Seelen

von Tönen empor gehoben –

ein schützender Mantel über uns.

 

Und wir tanzen in den Tränen

                    einer lachenden Musik.

eins und zwei


allein

bin ich vollständiger

als zu zweit

wenn der andere nur halb ist

wir können eins sein

wenn wir zwei sind

die sich selbst haben

und dieses selbst 

einander hemmungslos schenken

denn jedes selbst hat seinen ursprung

dort

wo wir alle miteinander verbunden sind


Klopfwörtergeschichte in Corona-Zeiten, aus circa 40 an mich gesandte Worte, die durch eine Geschichte verbunden werden:



Vom Schwingen der Steine


Die Vollbremsung, die aus einer Solidarität mit den Fröschen heraus geschah, welche tapfer ihren Weg über die Straße hüpften, verursachte einen abrupten Fall des Hundes, vom Beifahrersitz in die Fußablage. Limo, die französische Bulldogge, blickte mürrisch auf die erschöpfte Fahrerin des quietschgelben Cabriolets.
„Da haben die flotten Hüpfer aber einen Engel gehabt, der auf sie aufpasst“, dachte der getupfte Pfotenbär.

Lou stieg aus und bestaunte mit ihm zusammen die Vielzahl von Amphibien, die die verlassene Straße bevölkerten.
Mit ihrem platonischen vierbeinigen Lebenspartner hatte sie sich auf den Weg in den Wald begeben, um an ihrer Feuerperformance zu üben. Zu Hause gab es keinen Garten. Höchstens das Dachbodenatelier und wenn sie darin sich selbst und ihre Feruerkunst schwang, kippten die Leinwände um. Wenn sie im Park übte, glotzten Passanten, die umherspazierten und sie wichtigtuerisch in ein Gespräch verwickeln wollten und ihre Eintönigkeit durch sie zu beenden suchten. Das nervte. Und jetzt, in diesen Zeiten der großen Seuche, in der ein Ansammlungsverbot von mehr als zwei Personen galt, würde sie ihre Mitmenschen auch noch dazu anregen, eben dieses zu tun: zusammen im Park vorkommen– mehr als zwei.


Lou seufzte und bewunderte die beträchtliche Schar der grünen Quaker. Hier war ein Paradies – für Frösche.

Auch ihr erschien der nicht sichtbare Engel, den Limo schon erblickt hatte. Nach all dieser Zeit, in der das Draußen gemieden wurde, fingen die Ureinwohner an, sich sicherer zu fühlen und bahnten sich ihren Weg durch die Freiheit.

Die verheerende Zeit des plattgefahren Werdens schien vorbei.
Lou strahlte. Was für ein Ereignis. Limo wedelte fleißig und suchte ihren Blick. Er liebte ihre Anerkennung und das verursachte ihm Nasenkitzeln. Er rieb seine Pfote über sein kreisrundes Gesicht, mit dem weiß-schwarzen Hügel darin, der seine Schnauze formte. Doch er ahnte auch was Lou vorhatte und konnte es an dem Metallkoffer riechen, den sie bei sich trug: sie würden sich eine feuchte Lichtung suchen, er würde sich auf oder unter eine Bank legen oder einen Baumstamm oder einfach nur Insekten gucken und dann kämen die Feuerfinger zum Einsatz. Das waren nach Brennspiritus riechende silberne Spiralen, die mit Kefflerband gekrönt auf die Finger gesteckt wurden, in das stinkende Brennzeug getaucht, angezündet und dann begann ein Feuer-Tanz.
Doch jetzt im Sonnenlicht würde auf das Feuer doch verzichtet werden oder? Andererseits war es Wald im dunkler. Er würde sich überraschen lassen.


Ein erneuter Ausdruck des Staunens erschien auf dem Gesicht seiner Gefährtin. Rotwild?

Er folgte ihrem Blick und blieb angewurzelt stehen: da war ein kleiner Junge im Wald. Dieser hatte eine grüne Strickjacke an und eine rote feine Strickmütze aus Wolle auf dem Kopf. Dazu trug er eine hellblaue Flanellhose und Barfüße. Er saß auf einem abgeholzten Baum und weinte .
Limo lief zielstrebig zu dem wenig glücklichen Wicht, kam er doch bei Kindern allgemein gut an. Diese streckten so oft spontan die Arme in die Höhe, wenn sie seiner gewahr wurden und riefen „oh wie süß.“ Er vermutete, es lag an seinen Kulleraugen, in die er selbst nicht blickte. Doch Menschen trugen in sich die Angewohnheit, sich selbst in die Augen zu sehen, in jenem Moment, da sie sich dem Spiegel zuwandten – doch er, Limo, fand das stinklangweilig. Und zum Winseln fand er, das Menschen eine ganze entwicklungspsychologische Erkenntnis darauf aufbauten: Lacan und der Spiegeleffekt. Ach was hatten die für eine Ahnung, die Zweibeiner. Doch das war jetzt nicht wichtig. Wichtig war der kleine Junge, mit den durchsichtigen Tropfen im Gesicht.
Die Mini-Dogge kam, wie vorauszusehen war, früher bei dem Kind an als ihre Begleiterin, ließ das Geäst unter den Pfoten knacken, setzte sich vor es hin, richtete die Knopfaugen auf das blasse Gesicht, welches seinen Ausdruck änderte sobald es begriff was es sah.
„Da bist du ja!“ rief der Kleine. „Ich hatte von dir geträumt und dann lief ich in den Wald um dich zu finden. Zu Hause sind alle ganz schlimm. Sie gucken nur fern oder ins Tablet und beachten mich kaum. Dann streiten sie. Heute Morgen, vor dem Aufwachen, kamst du in meinen Traum und jetzt bist du da. Ich bin der Max!“
Der Sonnenschein fiel durch Zweige und junge Blätter, vergoldete sie, ließ Partikel in der Luft glänzen und strich durch das Haar des Jungen.
„Hallo Max, ich bin Lou.“ Lous Stimme mischte sich in die Sonnenpartikel. „Das sieht schön aus, nicht?“
„Meine Mutter ist ein Verdachtsfall“. Gab der Junge zurück, als hätte die sommersprossige rothaarige kleine Frau danach gefragt. Und sie hatte auch danach gefragt, es war nun mal nicht außen zu hören.
„Ein Verdachtsfall.“ winselte Limo bekümmert und bellte leise. Und auch Lou wiederholte mit offenem Blick: „Ein Verdachtsfall.“
„Ja. Und jetzt sind alle bodenlos unglücklich. Aber sie waren vorher schon schlecht gelaunt und es ist doch auch meine Mutter.“
Bei seiner Klage vergrub er seine Finger so gut er konnte ins weiche Fell und dann lachte er. „Wunderbar“ rief er. „Jetzt habe ich einen Freund.“
„Dieser Freund heißt Limo.“ verkündete Lou. „Wollen wir eine Runde durch den Wald drehen?“
Max nickte und erhob sich. Mit dem Handrücken berührte er seine feuchten Wimpern.

„Tränen sind Diamanten der Seele.“ behauptete Lou und voller Verbundenheit starrten sie nochmal in die Lichtpartikel, die Bäume mit ihrer Rindenhaut und sogen Luft in die Lungen. „Komm, wir gehen zum Schwingenstein. Der ist ganz in der Nähe.“
Mit der Atemluft kam die Hoffnung. Mit der Hoffnung wuchs die Solidarität.
„Das hat mir so gefehlt.“ gab der Junge zu. „Mir hat gefehlt, das einer von den Großen was mit mir macht. Sie lassen überhaupt keinen Zwischenraum: da ist immer eine Scheibe zwischen. Ich habe keinen Platz. Und jetzt sind sie noch komischer geworden. Wegen diesem . . .Koma. . . rona . . .oder wie das heißt.“
Inzwischen befanden die Drei sich auf dem Weg zum Stein.
„Sie haben alle Todesangst.“ gab Lou zu bedenken. „Und du hast großes Glück: du bemerkst, dass zwischen den Menschen deiner Umgebung und dem was sie sehen ganz viele Scheiben sind.“
„Ja, ich weiß“, antwortete Max zögernd und blinzelte die Frau an. „Und ich versteh es auch nicht: alle meine Freunde gucken in diese Vierecke! Übrigens ist es total klasse, dass ich mit dir reden kann. Mit den Erwachsenen kann ich nicht so gut reden und mit den anderen Kindern auch nicht. Sie sagen, ich wäre komisch, ich solle nicht so viel fragen, im Netz stehe alles und warum ich so unsicher bin. Aber ich bin gar nicht unsicher – ich bin nur viel . . .“ er stockte und schien das Wort auf Lous Wange zu suchen.

„Gründlicher?“ schlug sie vor.
„Ja, gründlicher. Denn fragen bedeutet irgendwie . . .betrachten . Als sie heute beim Spargel essen waren, bin ich abgehauen.“
„Spargel ist auch nichts für Kinder.“ knurrte die französische Bulldogge. Aber das verstand keiner so richtig.
Während des Gesprächs bemerkten sie nicht, dass es um sie herum dunkel geworden war. Düstere Wolkenschiffe glitten um sie und ihre Bäuche barsten in temperamentvolle Wasserschwärme. Glücklicherweise hatten Lou, Max und Limo den Schwingenstein inzwischen erreicht und dieser war so mächtig, dass er auf einer Seite eine höhlenartige Vertiefung bot, in die sie sich hockten und in die kein Regen fiel. Moos glänzte auf dem Stein und Max kamen auch die Wassertropfen wie Diamanten vor. „Wunderschön.“
„Ja, zauberhaft.“ bestätigte Lou und lehnte sich an den Felsen. Die Welt war in eine Art Endzeitstimmung geraten und nun waren sie hier in eine surrealen Gegenwelt gelangt oder Anderswelt, je nach Blickwinkel und das gefiel ihr zunehmend.
Limo schnupperte am Waldboden und suchte ob es schon Gänseblümchen gab. Der Waldboden war für seinen feinen Geruchs-Sinn wie ein Erkenntnis-Buch.
„Was die Menschen so verpassen.“ dachte er, denn durch seine Nase formten sich in seinem Inneren Bilder, die ihm über viele zurückliegende Jahre Auskunft gaben. Er schwelgte in Gerüchen, Informationen und Visionen. Dann streifte ihn ein wärmender Lufthauch. Er hob seine Schnauze in die Höhe und bemerkte, dass die Wolken keine Bäuche mehr trugen.

Sie waren fort. Dunst stieg vom Waldboden auf. „Das ist alles Liebe.“ empfand er. „Sie zieht aus dem Boden in die Geschöpfe“ und er kläffte aufgeregt mit seiner etwas heiseren Stimme. Zuversicht strömte sein glänzendes Fell aus und er buckte an seine zweibeinige Lebensgefährtin an.
„Wir brauchen eine Wandlung.“ sagte Lou bestimmt.
„Kennst du Mutter Meera?“
„Nein.“ Sie krochen aus der Nische und streckten ihre Arme und Beine. "Wer ist das?"
Max hüpfte ein wenig. „Ich weiß es auch nicht. Meine Mutter sprach davon. Irgendwas fand sie ganz wunderbar, aber ich weiß nicht was. Ich wünschte, sie würden mich auch so wunderbar finden. Und so wichtig wie Jerusalem, wo immer alle hin ziehen und einer bekommt keinen Stuhl."

"Wir fahren in einer Fahrradrikscha nach Jerusalem und haben alle Platz." schlug die abenteuerliche Frau vor, deren Alter für Max rätselhaft schien: in manchen Momenten wirkte sie wie ein Kind und in anderen knorrig alt und  dabei voller Bewegung.


Lou hatte inzwischen eine Möglichkeit gefunden, um auf den Schwingenstein zu klettern.

Die beiden Begleiter folgten ihr.


„Wir brauchen eine Brandung aus Worten!“ rief sie, als sie oben angelangt war.


Und dann tanzten sie auf dem Stein – alle drei: der Junge, die französische Bulldogge und die rothaarige Frau mit den Sommersprossen. Sie tanzten einen Tanz mit der Bitte um Buchstaben, um Sätze, seelengleich, die sich im Inneren bilden und Menschen umfassen und wirklich berühren können. Und bei ihren Bewegungen verausgabten sie sich und wurden gleichzeitig mit der Kraft gefüllt, die die diejenigen bekommen, wenn sie sich ganz geben und keine Scheibe zwischen ihnen und der Wirklichkeit gibt.

Und die Wirklichkeit? Die gibt es wirklich. Das weiß sogar der Schwingenstein. Oder sollte ich lieber sagen: vor allem er.

Als nächstes  bat ich um eine Note und bekam ungefähr sechs Noten zugesandt. Diese habe ich nun  in den "Valse pour Mahatma" einkomponiert. 

Es ist möglich, den Walzer nur als Melodiestimme zu spielen. Für eine Gitarrenbegleitung gibt es Akkordangaben.

Und wer die Möglichkeit dazu hat, spielt alles.



Fine

Vom Tisch, der nicht mehr passte


Bernd und Isa saßen in der Küche.
Er hatte es sich angewöhnt, die Neuigkeiten des Tages aus dem Computer zu saugen und sie dann Isa weiter zu erzählen. Dabei ließ er nie seine eigenen Gedanken außeracht, schließlich sollte seine Freundin gleich wissen, wie die Sachverhältnisse einzuordnen seien. Er liebte es, sich reden zu hören, aus den richtigen Zeitungen lesend, samt der richtigen politischen Einstellung, er war zufrieden.
Was er dabei nicht bedachte, dass seine Freundin Poetin war. Diese nahm nüchterne Fakten zwar auf, doch diese gesellten sich in ihrem Inneren zu einem komplexen Geschehen, dass er nicht verfolgen konnte.
Er war grade daran, seine Stimme zu einem weiteren Vortrag zu erheben – vor sich das erstrebte Abendessen – da vernahm er es – eine Irritation – sie schrie ihn an.
Das war doch . . . das ging doch nicht.
Isas Stimme wurde leiser: „Wir beide passen zusammen nicht an einen Tisch.“
Da verging Bernd sogar die Lust auf sein Abendessen.
„Außerdem – auch wenn mit deiner Frau nichts mehr läuft – ich mag es nicht, dass du verheiratet bist. Ich finde, dass du die ganzen Lorbeeren zu früh erhältst.“
„Weißt du was die Ehe ist? Ein Stempel - mehr nicht.“
Mit großen hasserfüllten Augen blickte sie ihn an.
„Meine Frau hat mich schon am ersten Tag genervt, ach was red ich, gleich nach dem Standesamt hat sie schon etwas getan was mir nicht gefallen hat.“
Isa erstarrte. Der Typ war ein Petrus. Was für ein Verrat.

Zudem sprach über seine mehrjährige Ehe wie von der Haltung eines Haustiers. Und auch diese sollten nach Isas Meinung anspruchsvoller beachtet werden. Was für ein Pascha.
Bernd eilte vom Tisch hinweg zu seiner verstreuten Paar-Tage-Ausrüstung.


Er brachte jedes Mal so viel Liebe mit, wenn sie sich länger nicht gesehen hatten. Leider verbrauchte sie sich dann auch wieder.
Isas Art von Emanzipation war nicht die der Gegenselbstständigkeit. Sie, Isa, forderte die Liebe ein: liebevolles Handeln, Ausdrucksweise, Denken. Bedingungslose Liebe gab es nicht auf Wunsch. Die war für Säuglinge. Für einen Menschen wie Bernd schien sie von jener Auswirkung, dass  sie sich in einem Sofaheldendasein niederschlug.
„Nein,“ dachte Isa, „Liebe ist eine Aufforderung. Kein Grund sich gehen zu lassen.“ Und ihr kam vor Augen, wie er sie Nachmittags in Unterhosen und aufgeklappten Laptop, nachdem sie von einem Meeting gekommen war, die Tür geöffnet hatte.
„Was für ein unklarer, überheblicher Mann . . . aber zärtlich.“


Bernd sah nett aus. Die Freundinnen kannten ihn von Fotos und sagten dann in der ursprünglichen Bedeutung des Wortes: „Der sieht doch nett aus.“
Doch ihre Freundinnen waren nicht mit ihm zusammen. Und Beziehungen wie die ihrer Freundinnen, wollte sie nicht.
Bernds Liebe glich einem Wohnzimmer, in dem er es sich behaglich eingerichtet hatte. Doch die Poesie stand gut verstaubt in den Regalen. Sie befand sich nicht auf der Zunge ihres Privatzuschauers.
Isas Liebe glich einem Pfad am Wildbach: es gab Schluchten, wilde Schönheit, knorrige Bäume, Sonne, Kälte, Regen, Wärme, Abenteuer.
Sie schwieg. Er packte.
„Lass mich bloß in Ruhe.“ Grollte er und seine Stimme durchzog Selbstmitleid.
„Die Liebe nimmt alles und sie gibt alles.“ Verschwieg sie und sah in die Nacht hinaus, auf eine Straße ohne Lebende.

Diese waren vor einer Seuche in die Wohnungen gewichen, verschanzten sich dort und waren sich ausgeliefert. Oder sie nutzten die Zeit miteinander. Was für ein Privileg es war, niemandem ausgeliefert sein zu müssen, weder psychisch noch körperlich. Und das andere Privileg wäre, sich einander zuzuwenden ohne all die Mittel der Ablenkung. Das schien ungewöhnlich in einer Zeit wo alle woanders hin blickten als sich selbst und gegenseitig an.


„Es wäre einfacher, wenn er immer schlecht wäre. Doch so sind die Menschen nicht: sie sind komplex – warm und kalt, freigiebig in einer Sache  und geizig in einer anderen, starr und für einige Momente beweglich. Interessiert und dann doch wieder in ihrem Hamsterrad aus Eintönigkeit. Schade.“ Sie fühlte noch seine sanfte Haut an ihrer Schulter – vergangen. Er konnte die Liebe nicht hüten. 


Er verließ das Haus wie jemand, der sein Verlangtes nicht bekommen hatte. Mit ihm zog sein Rollkoffer in die Nacht hinaus. Leergeliebt, ein Bettler, der doch reich war und eine tote Ehe behielt um wohlhabend zu sein.

"Mit der Liebe wollte er es anscheinend so händeln, wie mit einem Gelddepot: gut angelegt. Ein Recht darauf haben. Zinsen. Nach seinen Gesetzen. In einer Welt aus Zahlen." Sie schloß die Tür.